{"id":2373,"date":"2017-12-10T10:31:00","date_gmt":"2017-12-10T09:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fleck-ev.de\/?p=2373"},"modified":"2017-12-10T10:31:00","modified_gmt":"2017-12-10T09:31:00","slug":"kurzgeschichte-von-ulrich-haas-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fleck-ev.de\/?p=2373","title":{"rendered":"Kurzgeschichte von Ulrich Haas"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Zwischenheimat<\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Shoukri liegt auf dem R\u00fccken und starrt zur Decke. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Habe ich wirklich Aussichten hier in Deutschland? &#8211; fast zwei Jahre schon &#8211; Wenn ich wenigstens arbeiten d\u00fcrfte! Dieses Nichtstun macht mich noch kaputt &#8211;\u00a0 <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die Autowerkstatt im Hinterhof in der Hitze von Bagdad \u2013 der Geruch nach altem Motoren\u00f6l, Lack und Schwei\u00dfarbeiten \u2013 das Lachen und die Scherze der Kollegen, wenn wir gemeinsam Siesta hielten unter dem Sonnensegel &#8211;<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Das Stockbett knarrt und vibriert. Unter ihm dreht sich Abdull auf die andere Seite. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Die beiden anderen Zimmergenossen h\u00f6ren Musik und unterhalten sich arabisch. Von drau\u00dfen dringt Stra\u00dfenl\u00e4rm herein.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; wie daheim &#8211; vertraut &#8211;<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Dieser Fleck an der Decke &#8211; so einen hatte ich zuhause auch. Nun ist die Decke mit dem Haus eingest\u00fcrzt. Ob ich den Mond sehen k\u00f6nnte, wenn ich dort l\u00e4ge, wo ich immer meine Matratze ausrollte? Der Mond &#8211; zuhause liegt die Sichel, hier steht sie aufrecht &#8211; wenigstens Bomben oder Sch\u00fcsse h\u00f6re ich hier nicht. Der Sternenhimmel in Bagdad ist viel n\u00e4her. Die Sterne leuchten st\u00e4rker. Nachts traf sich die ganze Familie auf dem Dach und hoffte auf Abk\u00fchlung. &#8211; der gemeinsame s\u00fc\u00dfe Tee &#8211; die lebhaften Gespr\u00e4che bis tief in die Nacht &#8211; immer war Familie da, man war nie allein. <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ein Lastwagen l\u00e4sst die Fensterscheiben des alten Hauses klirren. Abdull dreht sich und schnarcht leise.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Nachts schleppte die ganze Familie die Matratzen auf des Dach, damals, als Vater noch lebte, damals, bevor die Bomben fielen. Vater erz\u00e4hlte die Neuigkeiten aus seinem Friseurgesch\u00e4ft, auf das er so stolz war. F\u00fcr die Familie sorgen zu k\u00f6nnen, das gab ihm W\u00fcrde.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Jamal sucht einen anderen Sender im Radio. Es rauscht und knackt. Abdull st\u00f6hnt im Schlaf.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Am Sch\u00f6nsten war es, wenn Vater von Alibaba und den vierzig R\u00e4ubern erz\u00e4lte bis wir Kinder einschliefen. An den Schluss kann ich mich bei fast keiner Geschichte erinnern, ich schlief einfach ein. &#8211; Shoukri l\u00e4chelt &#8211; Karawanen, die durch die Glut der W\u00fcste zogen, Menschen im Sandsturm, geraubte Prinzessinnen und tapfere Krieger &#8211;<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Shoukri dreht sich. Seine Augen wandern zu dem Fleck an der Decke zur\u00fcck<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">&#8211; die Gebetsrufe von den Minaretten in den Stadtvierteln umher &#8211; in Deutschland l\u00e4uten Glocken &#8211; inzwischen wache ich nicht einmal mehr auf von ihrem Gel\u00e4ute &#8211; meine Mutter, meine Geschwister, ich vermisse sie so! Ob sie noch leben? Kein Kontakt seit einem halben Jahr! Dieser Schmerz in der Brust &#8211; dumpf &#8211; stechend &#8211; die Flucht &#8211; nur nicht daran denken! Das letzte Mal habe ich bei der Anh\u00f6rung davon gesprochen und dann bei der zweiten noch einmal. Weshalb nur diese Ablehnung? Weshalb glauben die mir nicht? Ich bin Sunnit. Sollen die doch mal als Sunniten in Bagdad ein Gesch\u00e4ft betreiben mitten unter diesen Schiiten! Meinen Bruder Hafiz haben sie mir schon genommen &#8211; M\u00f6rderbanden! &#8211; Mein Bruder! &#8211; Sie haben mich auch bedroht. Ich bin tot, wenn ich dorthin wieder zur\u00fcck muss. &#8211; <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Wieder knarrt das Bett, w\u00e4hrend Abdull sich dreht. Er atmet tief.<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Was er wohl jetzt erlebt im Traum? Manchmal schreit er.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Stockbetten &#8211; in der Turnhalle am Anfang waren Stoffw\u00e4nde zwischen ihnen gespannt. Schubladenmenschen! Mein Privatraum sind die beiden Quadratmeter in meinem Bett. In Bagdad lebte ich mit meiner Familie in einem Haus. Mein Leben passt nun zwischen zwei Aktendeckel in der Schublade eines Amtes.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Ich war so dankbar, als ich hier ankam, selbst in der Zeit in der Turnhalle und jetzt hier. Ich will so viel zur\u00fcckgeben, arbeiten, helfen, Freunde finden, wenn man mich l\u00e4sst, vielleicht eine Familie gr\u00fcnden, ein ganz normales Leben halt! Ohne Familie ist ein Mensch nur ein verlorenes Sandkorn. Langsam bin ich m\u00fcrbe, werde immer tr\u00fcbsinniger. &#8211; endlich arbeiten d\u00fcrfen! &#8211;<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Deutschkurs, einkaufen, \u00c4mter &#8211; planlos durch den Ort laufen, manchmal Fu\u00dfball, Fl\u00fcchtlingskaffee &#8211; ich brauche Arbeit!<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Abdull dehnt sich und atmet tief. <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Zum Gl\u00fcck gibt es hier freundliche Menschen, die mir helfen. Ich h\u00e4tte sonst noch mehr Probleme mit der Sprache und mit den \u00c4mtern.<br \/>\n<\/span><\/span><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Es gibt auch andere: Deutschland den Deutschen! &#8211; Ausl\u00e4nder raus! &#8211; Islamisten! &#8211; Beleidigungen in der U-Bahn! &#8211; dann diese ganzen \u00c4mter! <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Registrierung, Ankunftsnachweis, Umverteilung, Asylantragsstellung, Dublinverfahren, Anh\u00f6rung, Duldung, Deutschkurs, Arbeitserlaubnis, Abschiebungsverbot, subsidi\u00e4rer Schutz, Anerkennung des Fl\u00fcchtlingsschutzes, Anerkennung der Asylberechtigung, Aufforderung zur Ausreise, Abschiebung, Angst &#8211; warten &#8211; warten &#8211; Diese Deutschen setzen ganz andere Schwerpunkte. Das mit der P\u00fcnktlichkeit habe ich ja kapiert, aber Kinder und Familie sind ihnen nicht so wichtig. Die vielen Regeln und Gesetze! Manchmal werden sie so angewendet und manchmal so. Der eine bekommt den Aufenthalt und der andere aus demselben Land wieder nicht. Ich verstehe es nicht &#8211; warten &#8211; die Zeit totschlagen &#8211; wenigstens kein Krieg! &#8211;<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">Mein Heim ist, wo mein Bett steht &#8211; Existenz auf der Parkspur &#8211; Leben ist vorher und nachher &#8211; <\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-family: Calibri, sans-serif;\"><span style=\"font-size: large;\">hoffentlich. <\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischenheimat Shoukri liegt auf dem R\u00fccken und starrt zur Decke. Habe ich wirklich Aussichten hier in Deutschland? &#8211; fast zwei Jahre schon &#8211; Wenn ich wenigstens arbeiten d\u00fcrfte! 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